Prinz Andrew: Wo ist der Fall?

Hurra: Der Prinz ist erledigt! Endlich ist er weg, der Kinderschänder! Moment – immer, wenn die Medien zum Rufmord ansetzen, sollte man misstrauisch werden: Stimmt die Geschichte vom Sex zwischen Prinz Andrew und der damals „minderjährigen“ Virginia Roberts durch den Prinzen überhaupt? Antwort: Vielleicht – aber das ist nicht der eigentliche Punkt…

Ein Bild des Jammers, wie er da saß: Prinz Andrew, zweiter Sohn von Königin Elisabeth II. Stotternd tischte er der BBC-Interviewerin Emily Maitlis am 14. November 2019 eine dumme Ausrede nach der anderen auf. Vorwurf: Er habe im März 2001 eine Minderjährige „missbraucht“, nämlich die damals 17-jährige Virginia Roberts, heute Giuffre. Seine Verteidigungslinie, er habe keinen sexuellen Kontakt zu dem Mädchen gehabt, ja, er kenne sie nicht einmal, kollabierte unter den Augen des globalen TV-Publikums. Unfreiwillig bestätigte der Prinz, dass er eben doch Kontakt zu Roberts hatte. Das ergab sich nicht nur aus seinem Verhalten, sondern auch schlüssig aus seinen Aussagen. Der Auftritt war genauso gut wie ein Geständnis. Nach der Ausstrahlung des Interviews am 16. November legte Andrew seine öffentlichen Ämter nieder.

Wo ist der Fall?

            In Kürze…

Aber warum? Denn das alles war ja juristisch irrelevant. Von Interesse waren ja nicht der Kontakt oder der Sex mit einer „Minderjährigen“. Denn um Minderjährigkeit geht es überhaupt nicht, sondern um die sogenannte Sexualmündigkeit (age of consent) – das heißt, ab welchem Alter ein Jugendlicher sexuell selbst bestimmt handeln und ein Erwachsener einvernehmlichen Sex mit ihm haben darf. Und dieses sogenannte „Schutzalter“ liegt beträchtlich unter dem der Volljährigkeit; Deutschland zum Beispiel gibt praktisch schon Kinder (!) zum einvernehmlichen Sex mit Erwachsenen frei, hier liegt die Sexualmündigkeit bis auf Ausnahmen bei 14 Jahren. Giuffre, geborene Roberts, erzählt nun, beim ersten Sex mit Prinz Andrew in London 17 Jahre alt gewesen zu sein. Das sogenannte Schutzalter endet in Großbritannien aber schon mit 16. Mit anderen Worten wäre einvernehmlicher Sex zwischen ihr und Andrew per se legal gewesen. Illegal wäre es nur dann gewesen, wenn der Sex eben nicht einvernehmlich gewesen wäre. Dabei sind aber alle Umstände der Zusammenkunft zu berücksichtigen.

Strahlen wie ein Honigkuchenpferd

Prinz Andrew und Virginia Roberts in London

Und dazu gehört auch das von Roberts als Beleg für Ihre Missbrauchsbehauptungen präsentierte Foto, das sie und Prinz Andrew damals Arm in Arm in London zeigt. Es beweist vielleicht, dass Andrew Roberts In London getroffen hat. Dass er Sex mit ihr hatte, aber nicht, denn darauf ist ja keine sexuelle Situation zu sehen. Die Behauptung, es habe sich um nicht einvernehmlichen Sex gehandelt, wird dadurch sogar eher widerlegt, denn auf dem Bild strahlt Roberts in die Kamera, wie das berühmte Honigkuchenpferd – obwohl sie nach ihrer Darstellung zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits wusste, dass sie die Nacht mit Prinz Andrew verbringen sollte. Oder war das gar der Grund für ihr Strahlen? Fühlte sie sich schon halb als zukünftige Prinzessin? Das von ihr angeblich bis dahin erlittene Martyrium („Sex-Ausbildung“ durch Epstein und Maxwell) hatte anscheinend keine äußerlichen Spuren hinterlassen. Und wenn an diesem Abend Zwang oder Prostitution vorgelegen haben sollten, dann wäre die Frage, wer die Nötigung begangen oder den Zwang ausgeübt haben soll: Prinz Andrew? Ghislaine Maxwell? Oder Jeffrey Epstein? Und wenn ja: Hat Andrew davon gewusst? Trotz Roberts‘ Eidesstattlicher Erklärung über den Vorfall ist das unklar, denn dabei handelt es sich ja nur um ihre Sicht der Dinge. Zeugen für sexuelle Nötigung gibt es, soweit ersichtlich, nicht. Laut Giuffres Aussage befand sie sich mit Epstein, Maxwell und Andrew allein in dem Haus. Wenn, dann könnte man nach Jeffrey Epsteins „Tod“ dessen Freundin Ghislaine Maxwell befragen, aber diese ist verschwunden und würde sich überdies wohl kaum selbst belasten. Forensische Beweise, wie etwa Abstriche von Virginia Roberts, sind sowieso nicht verfügbar – wo also ist der „Fall“? Wohlgemerkt: Wir betrachten das hier rein juristisch und nicht moralisch: Sex einer viel älteren Person mit einem Jugendlichen ist meistens fragwürdig, erst recht, wenn dieser minderjährig oder gar sexualunmündig sein sollte. Es besteht immer die Gefahr der impliziten Nötigung durch die größere Autorität und Erfahrung des wesentlich älteren Erwachsenen.

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99 Prozent Wahrheit

Einen Monat später will Roberts noch einmal Sex mit Prinz Andrew gehabt haben, und zwar in New York, ebenfalls im Alter von 17. In New York liegt das „age of consent“ jedoch bei 17 Jahren, mithin wäre einvernehmlicher Sex per se auch hier legal gewesen. Bei der dritten sexuellen Begegnung zwischen Roberts und Prinz Andrew war Roberts bereits 18 – exakt das „age of consent“ auf den amerikanischen Jungferninseln. Auch dort wäre der sexuelle Kontakt zwischen Prinz Andrew und Roberts für Andrew per se also nicht strafbar gewesen – von irgendwelchen anderen illegalen Handlungen wie Vergewaltigung oder Nötigung natürlich abgesehen.

Soweit ersichtlich, besteht Prinz Andrews Fehler also darin, jeglichen Kontakt mit dem Mädchen abzustreiten – wahrscheinlich als vorgeschobene Verteidigungslinie. Denn einmal eingeräumt, käme es dann möglicherweise doch noch auf die genaueren Umstände des sexuellen Kontaktes an. Alles in allem sind Roberts Schilderungen jedoch mit Vorsicht zu genießen. Sogar sie selbst bezeichnete ihre Darstellungen als nur „zu 99 Prozent wahr“. Eine seltsame Formulierung – würde nicht jeder auf der 100-prozentigen Wahrheit der eigenen Aussagen bestehen? Aber nicht nur das: Laut The Sun vom 18. November 2019 bezeichneten ihre Aussagen sogar ihre eigenen Anwälte als „fictionalised“, das heißt, angereichert mit Fiktionen und Abwandlungen der realen Fakten.

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