Während in Berlin über die Doktorarbeit des akademischen Kleptomanen Guttenberg verhandelt wird, steht der eigentliche Skandal noch im Raum: Hat es einen Ghostwriter gegeben – und wenn ja: wer war es? Ist Guttenberg daher erpressbar?

Mittwoch, 23. Februar 2011. Fragestunde und Aktuelle Stunde im Bundestag zur plagiierten Doktorarbeit von Verteidigungsminister Guttenberg. Es ist nicht wie sonst kühler und distanzierter Politbetrieb, in dem lediglich rituelle Phrasen und rituelle Empörung ausgetauscht werden. Die Opposition ist ehrlich entsetzt und aufgebracht – und die Regierungsmitglieder sitzen auf der Regierungsbank wie ertappte Schulbuben bei einer Standpauke des Direktors. Wie brisant die Situation ist, erkennt man daran, dass sich die neben Guttenberg wichtigste Person drückt: die Kanzlerin. Ausgerechnet sie ist nicht erschienen.
Ein klares Zeichen von Schwäche
Ein klares Zeichen von Schwäche. Es kann nur bedeuten, dass sie der Debatte nicht standgehalten hätte. Niemand anderer als sie hätte sich vor ihren Minister stellen müssen, wenn sie denn von dessen Eignung für das Amt nach wie vor überzeugt gewesen wäre. Ihre Stammtischparole, sie hätte ja einen Verteidigungsminister und keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, hätte sie jedoch nicht mal über die ersten zehn Minuten der Debatte gerettet. Nach diesem Motto, so bemerkte ein Oppositionspolitiker zu recht, könnte sie ja auch jemanden zum Minister machen, der dauernd betrunken Auto fährt – und sich anschließend darauf rausreden, sie habe ja schließlich keinen Fahrer eingestellt.
Fragestunde zu Guttenbergs Doktorschwindel im Bundestag (Langfassung)
Ganz offensichtlich wohnen wir hier einem Paradigmenwechsel unserer politischen und akademischen Eliten bei: Betrug ist nicht mehr Betrug, sondern hängt davon ab, wer ihn begeht. Die Maske darf fallen, und ein Minister darf auch mit dem enttarnten Antlitz des Hochstaplers und Schwindlers im Amt bleiben. Diese Botschaft kommt nicht nur bei Hunderttausenden von Studenten und Hochschullehrern an.
Raubkopierer an der Macht
Und nicht nur dort: Schließich geht es hier auch um eine Verletzung des Urheberrechts, also vulgo »Raubkopieren«. Während Wirtschaft und Regierungen seit vielen Jahren gegen Urheberrechtsverletzungen kämpfen, weil sie ganze Branchen gefährden – und jedes Kind wegen eines aus dem Internet heruntergeladenen Musikstückes mit brutalen Folgen rechnen muss, reichen bei einem Minister eine Entschuldigung und »Demut«. Ganz offensichtlich sind dies Auflösungserscheinungen des Systems.
Ziehen wir einmal Bilanz: Welche Vergehen und Regelverletzungen kommen bei zu Guttenberg in Betracht:
- mehrfache und fortgesetzte Verletzung des Urheberrechts
- gebrochenes Ehrenwort (in der Erklärung gegenüber der Universität, die Arbeit selbst angefertigt zu haben)
- arglistige Täuschung (Einreichung der Dissertation in dem Wissen um die abgeschriebenen Stellen und mit dem Willen und dem Vorsatz, sich den Doktortitel zu erschwindeln)
- kurz: »Betrug« im umgangssprachlichen Sinne
Guttenberg kann wohl nie mehr Doktor werden
Kaum zu glauben: Das alles geschah nicht etwa im Fach Medizin oder Physik, sondern ausgerechnet mit einer Doktorarbeit im Bereich Rechtswissenschaft. Hieße der Doktorand nicht Guttenberg, wären sich wohl alle einig, dass so jemand für ein öffentliches Amt charakterlich offensichtlich ungeeignet ist. Für die Führung eines Doktortitels ist er es wahrscheinlich allemal. Denn laut der Promotionsordnung der Universität Bayreuth ist einem Doktoranwärter die Zulassung zur Promotion zu versagen, wenn der Kandidat zur Führung eines Doktorgrades »unwürdig« ist. Und auf wen sollte das wohl zutreffen, wenn nicht auf Guttenberg? Und kann jemand, der zur Führung eines Doktortitel unwürdig ist, eines Ministeramtes würdig sein? Die Antwort liegt wohl auf der Hand.
Fragestunde zu Guttenbergs Doktorschwindel im Bundestag (Kurzfassung)
Indizien für einen Ghostwriter
In Wirklichkeit glaubt jedoch niemand, dass das schon alles ist. In Wirklichkeit steht der Verdacht im Raum, dass zu Guttenberg seine Arbeit schlicht gekauft hat, wie das vermutlich jedes Jahr Tausende von begüterten Doktoranden tun.
Aktueller Titel von Gerhard Wisnewski
Die Indizien sind all zu deutlich:
- Zahl und Umfang der Plagiate haben einen »rücksichtslosen Charakter« – nicht nur gegenüber den Plagiierten, sondern auch gegenüber dem Doktoranden: weil sie nämlich ein enorm hohes Entdeckungsrisiko bergen.
- Dass sogar der erste Satz in der Einleitung abgeschrieben wurde, weist zumindest auf völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Doktoranden hin. Man könnte sogar den Willen darin entdecken, den Doktoranden alsbald auffliegen zu lassen. Tatsächlich flog der Schwindel bereits zwei Jahre nach Erscheinen der Arbeit (Januar 2009) auf.
- Die Reaktionen des Verteidigungsministers sprechen dafür, dass dieser selbst zunächst keine Ahnung vom Umfang der Plagiate hatte.
- Bei Guttenbergs Erklärungen über das berühmte letzte Wochenende, an dem er die Arbeit gelesen habe, schimmerte mehr oder weniger unverhohlen die Möglichkeit durch, dass er dies zum ersten Mal getan hat.
- Erst an diesem Wochenende folgte denn auch die umgehende »Rückgabe« des Doktortitels – was dafür spricht, dass Guttenberg erst an diesem Wochenende der Umfang der Plagiate klar wurde.
Ist der Verteidigungsminister erpressbar?
Dieser Verdacht ist in Berlin mit Händen zu greifen. Und sollte – ich betone: sollte – es sich so verhalten haben, ist es noch viel schlimmer, als bisher gedacht. Denn dann haben wir es mit einem Verteidigungsminister zu tun, der erpressbar ist: Irgendwo »da draußen« könnte ein Ghostwriter herumschwirren, der den Verteidigungsminister in der Hand hat. Wahrscheinlich gibt es dann auch weitere Mitwisser, wie etwa den Vermittler. Kurz und gut könnte dieser Verteidigungsminister eine Zeitbombe sein, die dringend entschärft werden muss.
Guttenberg selbst hat bei der Bundestagsdebatte diesen Verdacht nicht ausgeräumt. Die entscheidende Frage stellte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann:
»Können Sie ausschließen, dass andere Personen an der Erstellung der Doktorarbeit mitgewirkt haben?«
Antwort: »Ich habe diese Doktorarbeit persönlich geschrieben.«
Dabei wäre die einzig mögliche Antwort auf diese Frage ein klares »Ja« gewesen.
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