
Der Feldwebel, schildert Spiegel Online vom 1. Juni 2010 eine Pressekonferenz der israelischen Armee, »spricht leise, er hält sich den Unterarm, als ob er schmerze: ›Wir dachten, wir würden auf Leute treffen, die den Frieden wollen‹, sagt er in einen Strauß von Mikrofonen. ›Stattdessen haben wir den Krieg gesehen.‹«
Nicht zu fassen: Da drömmelt man mit seinem Hubschrauber über das Mittelmeer, um sich irgendwo auf einem fremden Schiff friedlich auf einen Tee einzuladen, und dann das: Vom ersten israelischen Hubschrauber aus habe er beobachtet, wie »sich die Einsatzkräfte auf das Deck der Fähre abseilen« und wie »zwei Männer mit Stangen auf einen seiner Kameraden einschlagen«. Kaum zu glauben. Er sei dann runter, um seinen Kameraden zu befreien, und zwar – wie immer in der israelischen Armee – »mit bloßen Händen«. Nach dem Motto: Der Händedruck als Erstschlagwaffe. Ja, wie jedermann im Gaza-Streifen bezeugen kann, ist die bloße Hand praktisch die Standardwaffe der Israelis, die jedes Mal mit rüden Steinwürfen beantwortet wird. Und gerade als der Feldwebel den leicht verspannten Gastgebern an Bord der Schiffe mit bloßen Händen eine Massage verpassen will, sei er angegriffen worden, und zwar von »Männern mit Wahnsinn in den Augen«. Da allerdings habe er endlich zur Wumme gegriffen und die feigen Aggressoren »in Schach gehalten«. Allerdings nicht, wie eingefleischte Antisemiten natürlich sofort denken, mit einer scharfen Waffe, sondern mit einer »Paintball-Pistole«.
Womit bewiesen wäre: Die Israelis wollten bloß spielen.
Diese nette Einladung zu einem Spielchen wurde allerdings brüsk zurückgewiesen, und das ist nun wirklich unerhört. Da kapert man ein paar Schiffe in internationalen Gewässern, und dann wehren sich die Leute! Nein, wirklich: Die Welt ist schlecht. Dieses Verhalten widerspricht sämtlichen internationalen Gepflogenheiten, wonach man Piraten zunächst mal einen roten Teppich ausrollt und anschließend einen Tee serviert – jedenfalls israelischen Piraten.
Daher ist es überhaupt kein Wunder, dass die israelischen Shipnapper angesichts des unfreundlichen Empfangs zu nachdrücklichen Mitteln griffen und losballerten – natürlich mit ihren Paintball-Waffen. Allerdings haben sich die Paintball-Geschosse ohne Wissen der israelischen Soldaten in der Luft zu Blei materialisiert, sodass es sich bei den Toten auf der Gegenseite nicht etwa um Mord-, sondern um Unfallopfer handelt. Und da können die Gäste nun wirklich nichts dafür.
Überlebende wurden laut ZDF-heute vom 1. Juni 2010 »in ein Gefängnis in der Negev-Wüste gebracht«, »sie werfen einigen von ihnen vor, mit Gewalt gegen die Soldaten an den Schiffen vorgegangen zu sein«. Wie gesagt: Unerhört. Und deswegen wurden sie auch »inhaftiert«, so heute.
Dabei ist das nackte Propaganda. In Wirklichkeit durften die überlebenden Aggressoren in den Piraten– bzw. Pazifistenstützpunkt in der Negev-Wüste einwandern. Jedenfalls äußerte sich niemand anderer als die israelische Einwanderungsbehörde in heute zu dem Vorgang: »Fünf Deutsche sind zurückgeflogen, sechs sind noch hier im Gefängnis«, erklärte der Kidnapping- bzw. Einwanderungsexperte Joseph Edelstein. Für die sechs Deutschen spreche, dass sie sich beim Empfang der Überraschungsgäste an Bord der Schiffe zumindest keiner Gewaltttaten schuldig gemacht haben, so die heute-Sendung. Na, das ist ja wohl auch das Mindeste! Laut Edelstein laufe »derzeit« eine »rechtliche Überprüfung«. Allerdings nicht, ob es sich bei dem Überraschungsbesuch nicht vielleicht doch um einen Akt der Piraterie gehandelt haben könnte, wenn auch nur um einen klitzekleinen. Sondern ob die Festnahme der ruppigen Gastgeber »gerechtfertigt ist«. Also ob Ungastlichkeit eigentlich ein Verbrechen sein kann, für das man jemanden erschießen oder einbuchten kann. Womit bewiesen wäre, dass Israel nun mal ein Rechtsstaat ist und nichts als ein Rechtsstaat …