Frauenfußball-WM: Stadien mit Zehntausenden von Schülern gefüllt

Nur Kidnapping ist sicherer: Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 20.000 Karten für Frauenfußball-WM-Spiele an Schüler verschenkt; anschließend wurden sie mit Fresspaketen versorgt und auch noch mit dem Bus zum Spiel gefahren. Doch wenn die Stadien auf diese Weise vollgetrickst wurden – woher kamen dann die hohen TV-Quoten?

Anders als es hier aussieht, hatten die Menschen kein großes Interesse an der Frauenfußball WM/Von NatiSythen

Wenn ein Fußballspiel läuft, erkenne ich das immer an dem Fenster gegenüber: Die Jalousien sind dann hochgezogen, in dem Raum dahinter drängeln sich die Menschen, auf dem Fensterbrett sitzen Männer und rauchen. Auf der Feuerleiter-Plattform vor dem Fenster steht ein Kasten Bier. Dazu hört man die typische »Atmo« eines Fußballspiels. Wenn Bayern oder die Nationalmannschaft spielen, muss ich gar nicht mit gucken, um den aktuellen Spielstand zu erfahren. Der Torjubel im Hof sagt mir, wie es steht – zuverlässig wie die Glockenschläge der Kirchturmuhr. Auch in der Straße vor dem Haus hört man diese typische Mischung aus Straßen- und Stadiongeräuschen aus den laufenden Fernsehern.

Aber was soll ich sagen: Bei der Frauenfußball-WM blieb mein Fußballfenster im Hof bisher blind und stumm. Die Jalousie blieb unten, kein Bier stand auf der Feuerleiter-Plattform. Auch an den Balkonen flatterten keine Deutschlandfähnchen, und das Fußballsummen auf der Straße blieb aus. Und sah man bei den letzten Männer-WM’s fast an jedem zweiten oder dritten Auto ein oder zwei Deutschlandfähnchen, hieß es bei der Frauen-WM Fehlanzeige. Nur einmal sah ich ein solches Auto, und das ist schon zwei Wochen her.

 

 

Leben in der Frauenfußballwüste

Doch siehe da: Glaubt man der Medienberichterstattung, lebe ich offenbar in einem absoluten Frauenfußballvakuum, in einem Tor bzw. Tal der Ahnungslosen und in einer regelrechten Frauenfußballwüste. Überall in der Republik scheinen sonst die Fernseher zu glühen, nur in dieser kleinen Straße in der Münchner Innenstadt nicht. Und die Autos, die hier durchfahren, nehmen vorher ihre Fähnchen ab. Eine wirklich merkwürdige Verschwörung – oder gibt es etwa eine ganz andere Verschwörung?

Angeblich feiern die Fußballfrauen nämlich ein Quotenfest nach dem anderen. »Ein Quoten-Sommermärchen für ARD und ZDF«, verkündete beispielsweise der Fachdienst Quotenmeter.de: »Am 30. Juni 2011 konnte die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 16,39 Millionen Bundesbürger vor die Fernseher locken«. Dies sei »geradezu ein sensationelles Ergebnis, das wohl nur die wenigsten im Vorfeld für möglich gehalten hätten«. Das Spiel Deutschland gegen Japan sahen laut »tv-kult-com« angeblich 16,95 Millionen Zuschauer.

 

Das seltsame Quotenwunder

Seltsam: Während bei Frauenfußball-Bundesligaspielen gerade mal ein paar Hundert bis 2.000 Zuschauer zusammenkommen, sollen sich jetzt plötzlich Millionen von Bundesbürgern vor den Fernsehern die Nägel abkauen. Während für die Frauen-WM bundesweit fast nur kleinere Stadien gebucht wurden, soll die Frauen-WM der Quotenrenner sein. Experten wie Bayern-Präsident Uli Hoeneß trauen denn auch dem »Hype um die Frauen-WM nicht«, meldete Der Westen am 1. Juli 2011 (http://www.derwesten.de/sport/fussball/wm2011/Uli-Hoeness-traut-dem-Hype-um-die-Frauen-WM-nicht-id4824868.html). Zweifel an den TV-Quoten meldete er zwar nicht explizit an, aber er sagte:  »Die Nationalmannschaft ist unheimlich populär, doch in der Bundesliga kommen nur 2000 Zuschauer.«

Tja – wie passt denn das zusammen? Eine Erklärung: Bei der Frauenfußball-WM wurden die Stadien teilweise »vollgetrickst«. Aber nicht etwa mit »Freikarten«, wie ich oben sagte. Nicht doch: »Es wird definitiv keine Karte verschenkt werden«, sagte Jens Grittner, Pressechef des WM-Organisationskomitees, laut der Website von Deutschlandradio (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sport/1495816/) vom 1. Juli 2011:  Auch Karten, die an Schüler »weitergegeben« würden, seien »de facto Kaufkarten.« Gekauft und trotzdem verschenkt? Wie geht das denn? Ganz einfach: Große Unternehmen wie die Telekom greifen dem politisch korrekten Frauenfußballspektakel unter die Arme, kaufen eben mal ein paar Tausend Karten und laden anschließend quasi komplette Schulen zu den Fußballspielen ein. Und schon handelt es sich per definitionem nicht mehr um Freikarten, denn die Karten wurden ja schließlich verkauft. Zwar nicht an das Publikum selbst, aber immerhin. Tricky, nicht?

 

Wie weiland bei Honecker …

»Große Unternehmen mit Fußball-Affinität« wurden demnach »dazu gebracht, große Kontingente zu kaufen und dann als Geschenk weiterzureichen«, so »Deutschlandradio«: »Die Freikarte auf Umwegen sozusagen«. Demnach hat allein die Telekom »einen mittleren fünfstelligen Betrag« springen lassen, um 13.000 Karten einzukaufen und anschließend weiter zu verschenken. Warten Sie mal: der höchste fünfstellige Betrag wären 99.000 Euro, bei 13.000 Tickets also 7,60 Euro pro Karte. Aber bei einem »mittleren fünfstelligen Betrag«, sagen wir bei 55.000 Euro, käme man nur auf 4,20 Euro pro Ticket. Und das bei regulären Ticketpreisen für die Vorrundenspiele von 30 bis 50 Euro. So oder so wären die Karten demnach regelrecht verschleudert worden.

Dass die Schüler anschließend nicht gleich von der Straße weg gekidnappt wurden, war praktisch alles: »Das Ministerium für Kinder, Jugend, Sport und Kultur hat Kontakte zu Schulen hergestellt, der Fußballverband Mittelrhein bezahlt die Busfahrten, sogar ein Lunchpaket gehört zum Service, und schon hat die WM ein Problem weniger«, so Deutschlandradio. »Einige Spiele mit unattraktiveren Gegnern«, drohten sonst »zu trostlosen Veranstaltungen zu werden.« Bei Honecker hat das auch nicht viel anders funktioniert. Fragt sich jetzt eigentlich nur noch, ob die TV-Quoten ebenfalls mit so kreativen Tricks frisiert wurden …

 

Copyright © 2011 Das Copyright für die Artikel von Gerhard Wisnewski liegt beim Autor.