Flugzeugabsturz von Smolensk: Katyn 2.0?

Ein Unfall zur falschen Zeit am falschen Ort mit den falschen Leuten – das ist der Absturz des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski am heutigen 10. April 2010 im russischen Smolensk. Gerade auf dem Weg zu einer großen Versöhnungsfeier zwischen Russland und Polen kommt der polnische Staatspräsident samt Gefolge an Bord einer russischen Maschine in Russland ums Leben. Ein Ereignis, das jede Menge Sprengstoff in sich birgt und zum Zündfunken einer großen Krise werden könnte.

 

Kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben: Der polnische Präsident Lech Kaczynski

Das Flugzeug gilt als sicherstes Verkehrsmittel der Welt. Dass nun ausgerechnet ein Staatspräsident samt Gefolge auf dem Weg zu einer hochsensiblen Mission abstürzt, ist schon ein ausgesprochen dummer Zufall, in etwa so unwahrscheinlich wie der Jackpot im Lotto. Ja, der Zufall ist sogar noch größer: Ausgerechnet auf dem Weg zum Gedenken des sowjetischen Mordes an 4.000 polnischen Offizieren und Intellektuellen im Zweiten Weltkrieg bei Katyn gibt es ganz in der Nähe auf russischem Boden ein neues »Massaker« an der politischen und kulturellen Elite Polens: am Flughafen der russischen Stadt Smolensk. Und ob Unfall oder nicht – zweifellos wird auch dieses Massaker in die Geschichte eingehen, das Trauma von Katyn erneuern und dafür sorgen, dass es niemals verheilt.

Heute morgen gegen 9.00 Uhr stürzte die Tupolev TU-154 des polnischen  Präsidenten Lech Kaczynski beim Anflug auf den russischen Flughafen Smolensk mit mindestens 100 Menschen an Bord ab. Die Delegation war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im nahegelegenen Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst 1940 4.000 Polen ermordet hatte. Insgesamt sollen bei den damaligen Säuberungen 20.000 bis 30.000 Menschen gestorben sein.

Angeblich geriet die Maschine nach mehreren Landeversuchen in dichtem Nebel in etwa eineinhalb Kilometern Entfernung von der Landebahn zu tief, streifte Bäume und stürzte ab. Laut russischen Behörden gibt es keine Überlebenden.

»Eine Mega-Katastrophe für Polen« sei das, schreibt die Website polskaweb.eu am heutigen 10. April 2010, »denn an Bord waren nicht nur der Präsident und seine Frau, sondern auch hohe Geistliche, Geheimdienstler, höchste Militärs, Politiker und der Chef des IPN Janusz Kurtika.« (IPN = Institut für Nationales Gedenken; G.W.) »Was die Katastrophe am heutigen Morgen für Polen bedeutet, hat das Land noch nie erlebt. Der Präsident ist tot, der Direktor der Nationalbank lebt nicht mehr und auch nicht der Präsident des nationalen Olympischen Komitees, sowie viele weitere zur polnischen Intelligenz gehörende Menschen.«

 

 

Tupolew Tu-154 der Aeroflot

Laut vorläufiger Passagierliste waren neben dem Präsidentenpaar und dem Präsidenten der Nationalbank auch zahlreiche Staatssekretäre, Abgeordnete des Polnischen Parlaments und Vertreter von Opferverbänden an Bord. Des Weiteren scheint die gesamte Führungsspitze der polnischen Armee ums Leben gekommen zu sein: angefangen beim Chef des Generalstabes über die Befehlshaber und Kommandanten von Luftwaffe, Marine und Landstreitkräften bis hin zum Kommandeur der Special Forces (siehe Passagierliste).

Der Unfall passierte an einem Wendepunkt polnisch-russischer Geschichte.
Ausgerechnet im gemeinsamen Gedenken an das Massaker des sowjetischen Geheimdienstes an 4.000 Polen in Katyn wird Polen quasi zum zweiten Mal »von Russland« mitten ins Herz getroffen: Eine russische Maschine stürzt beim Landeanflug auf einen russischen Flughafen mit dem proamerikanischen Russenkritiker Lech Kaczynski an Bord ab. Die Untersuchung des Unfalls leitet der russische Ministerpräsident Putin, selbst als (ehemaliger) Angehöriger des russischen Geheimdienstes ein später Kollege der Mörder von Katyn.

 

 

Absturzstelle bei Smolensk

Schlimmer konnte es wohl nicht kommen. Ausgerechnet im Moment der Heilung des Traumas von Katyn wird der Albtraum nun erneuert. »Wieder verschwindet auf russischem Boden die Elite der polnischen Politik und Kultur«, konstatierte eine mir bekannte Polin. »Die großen Hoffnungen auf Versöhnung sind nun wohl dahin.«

Die russischen Ermittler befassen sich laut polskaweb.eu »derzeit mit drei Versionen des Flugzeugabsturzes«: ungünstigen Wetterbedingungen, menschlichem oder technischem Versagen. In der Tat verfügt die TU-154 über eine stattliche Anzahl von schweren Unfällen. Die dreistrahlige, 1968 erstmals gestartete TU-154 ist ein Gegenstück zu der legendären Boeing 727 und ein völlig veraltetes Flugzeug. Tatsächlich habe die Tupolew des polnischen Präsidenten »zuletzt bei fast jeder Reise Probleme« verursacht, »es war abzusehen, dass irgendwann etwas passieren musste«, schreibt polskaweb.eu, das eine umfangreiche Berichterstattung zum thema bietet.

Bei einer seriösen Untersuchung dürfte angesichts der Bedeutung der Opfer, der Unwahrscheinlichkeit des Geschehens und des historischen und politischen Kontextes freilich auch die Frage nach einem Attentat nicht fehlen. So ist auch dichter Nebel auf einem Flughafen mit Instrumentenlandesystem (ILS) normalerweise kein Grund für einen Absturz, da auch eine so alte Maschine quasi im Nebel »sehen« und landen kann. Laut Sakaal Times ist der Severny-Flughafen von Smolensk ein »Class One Airport«, der Flugzeuge aller Typen auch bei schlechtem Wetter abfertigen kann. Anderen Informationen zufolge verfügt der Flughafen jedoch über kein Instrumentenlandesystem.

Severny soll laut English Pravda heute vormittag geschlossen gewesen sein; dann allerdings hätte Kaczynskis Maschine überhaupt keine Landeversuche unternehmen dürfen. Drei Stunden nach dem Unfall war das Wetter in Smolensk laut der Wetterseite Weather-forecast.com zumindest keineswegs schlecht: Um 12 Uhr Ortszeit habe bei bedecktem Himmel nur leichter Dunst geherrscht, die Sicht betrug immerhin vier Kilometer. Von Osten wehte nur leichter Wind.

Doch die Frage nach einem Attentat wird einstweilen wohl nur im Netz gestellt: »An Bord war nämlich fast die gesamte antirussische- und Anti-Regierungs-Koalition des Landes«, schreibt polskaweb.eu: »Einige von diesen hatten erst vor wenigen Tagen Russland massiv wegen Geschichtsverschleierungen und fehlender Entschuldigungen wegen Katyn angegriffen. Ein Reporter des  polnischen Staatsfernsehens TVP will zum Zeitpunkt der Katastrophe zwei Explosionen gehört haben.«

Auch laut dem Nachrichtendienst evangelisch.de wird im Netz bereits heftig nach den Hintergründen des Unfalls gefragt: »Gibt es einen Grund, warum jemand seinen Tod wünschen könnte«, habe ein anonymer Nutzer eines Internetforums in Bezug auf Kaczynski gefragt: »Wer wird ihn ersetzen und was bedeutet das für Polen? Und für die Interessen der USA? Ich habe das Wetter im Absturzgebiet überprüft. Es scheint kalt dort zu sein, aber nichts ernsthaftes, nur ein paar Wolken, kein Niederschlag.« Ein anderer Nutzer spekuliere, ob Kaczynski vielleicht »zu viel über die geheimen CIA-Gefängnisse in Polen« gewusst habe und deute so an, »die USA steckten hinter dem Absturz«. Wieder andere Internetnutzer verdächtigten die russische Regierung: »Einmal wegen Kaczynskis deutlicher Orientierung an der NATO, zum anderen, weil er sich auf dem Weg zur Gedenkfeier in Katyn befand, wo vor 70 Jahren rund 4.000 polnische Offiziere auf Befehl Stalins ermordet worden waren.«

»Die Ironie ist, dass Putin die Untersuchungen zum Absturz leiten wird«, zitiert evangelisch.de einen Twitter-User.